Meursault, der Protagonist des Romans „Der Fremde“ von Albert Camus, tötete einen Menschen und wurde dafür zum Tode verurteilt. Nicht wegen der Tat, sondern eher wegen seines Mangel an Empathie. Die Ansicht, dass Mord unvertretbar sei, steht im Konsens. Die Begründung dafür jedoch nicht.
Die Frage, ob Mord vertretbar ist, sollte im Vordergrund stehen, um zu verstehen, woher unsere moralischen Werte stammen. Die Gruppe der Religiösen behauptet, dass Mord aufgrund ihrer religiösen Schriften nicht gerechtfertigt sei. Daraus lässt sich ableiten, dass die Grundlage ihrer Moral die Religion ist. Auf der anderen Seite stehen die Säkularen, die sich über die Begründung, weshalb Mord unvertretbar ist, nicht einig sind. Manche Menschen begründen ihre Ansicht mithilfe von Vernunft und Logik, andere aus Sicht der Evolutionsbiologie und wieder andere mit verschiedenen weiteren Ansätzen.
Ich gehöre zu denjenigen, die die Auffassung vertreten, dass die Moral relativ sei. Es fällt mir schwer zu glauben, dass es eine universell gültige Wahrheit gibt. Nehmen wir an, dass Gott existiert und das Christentum die einzig wahre Religion ist. In diesem Fall würden die Christen behaupten, dass die Wahrheit Gottes für alle Menschen die Wahrheit sei. Daraufhin frage ich die Christen: Was würde mich davon abhalten, die Wahrheit Gottes abzulehnen? Die Antwort ist natürlich die Strafe. Ausgehend davon schließe ich, dass die Macht Gottes verhindert, dass mehrere Wahrheiten gleichzeitig Gültigkeit besitzen. Nicht weil seine Wahrheit gültig ist, sondern vielmehr aufgrund seiner Allmacht. Anders gesagt: Seine Allmacht kann meine eigene Wahrheit trotzdem nicht widerlegen.
Was Vernunft und Logik angeht, kann man zu völlig unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangen. Evolutionsbiologie erklärt, weshalb Menschen bestimmte allgemeine Werte teilen, doch auch sie kann nicht beweisen, dass es eine einzig wahre Moral gibt. Ganz im Gegenteil kann die Evolutionsbiologie erklären, weshalb Gruppen unterschiedliche moralische Auffassungen vertreten. Verschiedene Umweltbedingungen führen zu unterschiedlichen Situationen, an die Menschen ihre moralischen Werte anpassen müssen. Zum Beispiel gibt es historische Berichte darüber, dass in einigen Inuit-Gesellschaften unter extremen Hungersnöten Praktiken wie die Aussetzung von Säuglingen oder das Zurücklassen älterer Menschen vorkamen.
Meursault wurde zum Tode verurteilt, weil er nicht den moralischen und emotionalen Erwartungen der Gesellschaft entsprach. In einer anderen Gesellschaft wäre er möglicherweise verschont oder sogar für seine Tat gelobt worden. In unserer Gesellschaft gilt der Verzehr von Tieren als moralisch vertretbar, während er in einem parallelen Universum als moralisch falsch angesehen wird. Sklaverei ist nicht falsch. Die Vergewaltigung ist nicht falsch. Der Mord ist nicht falsch. Aber ebenso wenig sind diese Handlungen moralisch vertretbar. Die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit gibt. Das Universum ist unerbittlich gleichgültig.


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